Behinderten- und Teilhabepolitik

    SBV InfoBrief (Februar 2021)

    Behindertenpolitik Nds.-Bremen

    SBV InfoBrief (Februar 2021)

    Behindertenpolitik im Bildungswerk ver.di Niedersachsen-Bremen
    Schwerbehinderte Steve Buissinne SBV InfoBrief (Februar 2021)  – Behindertenpolitik im Bildungswerk ver.di Niedersachsen-Bremen


    VORWORT

    Liebe Kolleginnen und Kollegen,

    ….. schon wieder ist ein Monat vorüber. Die Zeit fliegt scheinbar davon und die Haare flattern (sofern vorhanden) wegen coronabedingtem Mangel an Coiffeuren (auch Putzbüddel, Figaro, Hairstylist*in oder Fachkraft für Haarpflege oder Friseur*in) im Wind. Da merkt Mann und Frau, wie wichtig (und meist unterbezahlt) diese Menschen sind! Mir stehen die Haare zu Berge und landauf und landab wird diskutiert, wie wohl Fußballprofis und Fernsehmoderator*innen zu ihrem gepflegten Kopfschmuck kommen. So what? Diese Realsatire zeigt, dass wir uns schon ein Stückchen auf die viel beschworene und herbeigesehnte Normalität zubewegt haben. Der Diskurs um solche Nichtigkeiten holt uns ein, das Große und Ganze rückt in den Hintergrund ….. Womit ich nicht gesagt haben will, dass eine entsprechende Frisur für viele Menschen nicht auch ein Stück Alltag und damit Normalität widerspiegelt.

    Ich gebe zu, mit Abstand, unter feuchter Maske und mit beschlagener Brille ist das Leben nicht immer angenehm – aber ein Klacks gegenüber den Anforderungen an die Menschen im Pflegebereich, in der Medizin und anderswo, wo die Infektionsgefahr groß und der Schutz des eigenen und des Leben Anderer das Wichtigste ist! Deswegen nehme ich die Situation (meist) immer noch mit Gelassenheit, denn das Befolgen von Regeln ist zurzeit kein Akt des blinden Gehorsams gegenüber dem Staat, sondern bedeutet Solidarität mit den Mitmenschen!

    Das steht natürlich im Gegensatz zu mancher Äußerung, wie zu bspw. der eines FDP-Politikers, der meinte, die Menschen sollten für sich selber sorgen und die, die Angst haben sollten eben zu Hause bleiben. Wirklichkeitsfremd, egozentrisch und rücksichtslos kann man das nennen, andererseits beschreibt hier jemand passgenau, dass der Neoliberalismus komplett gescheitert ist. Pandemiebekämpfung funktioniert erwiesenermaßen eben nicht durch Selbstoptimierung und Eigeninitiative! Das Primat des freien Marktes funktioniert ja offenbar auch nicht bei der Herstellung und Verbreitung der Impfstoffe! Wird die Bundesregierung und die EU dafür kritisiert, zu wenig Impfstoff bestellt zu haben, werden große Bereiche Afrikas und Teile Südamerikas und Asiens viel zu wenig bis gar keine Impfdosen erhalten. Neun von zehn Menschen in armen Ländern werden im nächsten Jahr vermutlich keine Impfung gegen COVID-19 erhalten, während die reichsten Staaten die Mehrheit der Impfdosen aufkaufen.1 Das scheint mir weitaus bedenklicher als die schicke (?) Undercut-Frisur von Fußballprofis!

    Zu COVID-19, SARS-CoV-2, u.a. fällt mir jetzt nichts mehr ein, außer vielleicht das sicher schon vielen von euch bekannte Corona-Gedicht für Deutschland von Thorsten Stelzner:

    „Um Mitternacht, ich liege wach
    Und denke über vieles nach.
    Als Zweites kommt mir in den Sinn,
    dass ich hier ziemlich sicher
    und dafür unermesslich dankbar bin.
    All denen, die auch nachts noch tun,
    was nötig ist – sie tun es nun.“

    Was gibt es sonst noch? Reden wir über die Zukunft. Das meint jeweils der DGB mit seinem Zukunftsdialog (redenwirueber.de). Bis Ende März 2021 können Bürgerinnen und Bürger an diesem Zukunftsdialog teilnehmen. „Den Wandel so gestalten, dass alle Schritt halten können“, ist der Tenor. Investitionen, wo sie gesellschaftlichen Nutzen entfalten im Bereich der Digitalisierung, des Klimawandel und einer älter werdenden Bevölkerung – Vorschläge und Ideen sind erbeten. Schwerbehindertenvertreter*innen und Menschen mit Behinderungen haben mit Sicherheit viele Ideen für sinnvolle Investitionen in die barrierefreie Gestaltung unserer Gesellschaft!

    Der Entwurf eines Teilhabestärkungsgesetzes liegt vor. Die Verbände konnten bis zum 8. Januar Stellung nehmen. Wir sind gespannt!
    Homeoffice - das Thema bewegt die Republik. Ist ein großer Teil der berufstätigen Menschen sowieso per Verordnung zum Nichtstun berufen, können andere in ihren Berufen überhaupt nicht zu Hause arbeiten. Und viele von denen, die es tun könnten, bekommen von ihren Arbeitgeber*innen nicht das notwendige Equipment zur Verfügung! Homeoffice und/oder Mobile Arbeit sind nicht nur toll, das macht der „DGB-Index Gute Arbeit 2020“ deutlich. Viele, die diese Arbeitsformen nutzen, sind oft außerhalb der Arbeitszeit beruflich erreichbar und deutlich mehr arbeiten über 48 Stunden in der Woche. 11% höher ist die Zahl derjenigen, die in der Freizeit oft nicht abschalten können.

    Sicher ist, dass die fortschreitende Digitalisierung Möglichkeiten für behinderte Menschen schafft oder erweitert. Sicher ist aber auch, dass die Risiken der digitalen Arbeit auch und gerade für behinderte Menschen im Blick behalten werden müssen! Und eines ist nicht zu vernachlässigen: Die fortschreitende Digitalisierung (Mathias Greffrath nennt sie „Ausbeutung 4.0“)2 entschärft nicht die herrschende und sich eventuell nach der Pandemie verschärfenden Konkurrenz auf dem Arbeitsmarkt. Hier tut sich ein weites Feld für die betrieblichen Schwerbehindertenvertretungen, den Gewerkschaften und Verbänden auf!

    Wer den InfoBrief jetzt nach so vielen kritischen Anmerkungen weiter liest, findet hoffentlich den einen oder anderen interessanten Hinweis oder die wichtige Information, die immer schon oder gerade jetzt gefehlt hat.

    Vielen Dank für die eingegangenen Anregungen und Wertschätzungen!

    Mit kritischem, aber zuversichtlichen Gruß

    JÜRGEN BAUCH

    Weiterlesen: www.betriebs-rat.de/know-how/fuer-sbven/sbv-infobrief/